Interview mit David Chaignat, Leiter Marketing und Vertrieb

Wie würden Sie sich unseren Kundinnen und Kunden in wenigen Worten vorstellen, wo sehen Sie Ihre Stärken, und welche Stationen Ihrer bisherigen Laufbahn haben Sie besonders geprägt?

Ich bin eine initiative und loyale Person, welche pragmatische wie auch kreative Lösungsansätze verfolgt. Komplexe Sachverhalte kann ich gut auf das Wesentliche herunterbrechen und verfüge dabei über gute Kommunikationsfähigkeiten. Beruflich haben mich zwei Stationen geprägt: Im Jahr 2009 habe ich mich beruflich neu orientiert und den Finanzsektor nach mehreren Jahren verlassen. Das war damals ein wichtiger Schritt für mich. Das Zweite ist die Wahl in die Geschäftsleitung des ESB als Leiter Marketing & Verkauf per 1. September 2025. Ich bin sehr gespannt auf die neuen Herausforderungen.

Wie verstehen Sie das Zusammenspiel von Marketing und Vertrieb?

Es sind zwei Seiten der gleichen Medaille, wobei sich der Fokus und die Tätigkeiten unterscheiden. Das Marketing hat die definierte Zielgruppe als Ganzes im Blickfeld und erstellt Kampagnen, um möglichst viele qualifizierte Leads zu generieren. Der Vertrieb übernimmt diese Leads und «personalisiert» sie in der Beratung mit dem Kunden. Als Analogie aus dem Fussball könnte man es so ausdrücken: Das Marketing baut das Spiel von der Verteidigung über das Mittelfeld auf, der Vertrieb muss dann die Tore schiessen. Dass es dabei auch zu Spannungen kommen kann, ist offensichtlich. Das Marketing sagt, dass der Vertrieb die Leads nicht aufnimmt. Der Vertrieb klagt darüber, dass die Leads und die Kampagne nicht qualifiziert genug sind – damit muss man als Leiter Marketing und Vertrieb umgehen können.

Was sehen Sie als grosse Herausforderungen für den Bereich Marketing & Vertrieb – auch im Hinblick auf die Zweisprachigkeit der Region und die aktuellen Entwicklungen in der Energiebranche?

Der ESB agiert einerseits im Monopolbereich und andererseits im freien Markt. Zudem bedienen wir Privat-, Gewerbe- und Industriekunden, welche jeweils sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Vor diesem Hintergrund ist es eine besondere Herausforderung, unsere Dienstleistungen erfolgreich zu vermarkten: Im Monopolbereich müssen die Versorgungssicherheit sowie die Einhaltung der regulatorischen Vorgaben jederzeit gewährleistet sein. Andererseits wollen wir im freien Markt unseren Kunden gezielte Produkte und Dienstleistungen anbieten können.

Die Zweisprachigkeit gehört beim ESB zur DNA und wird entsprechend im Alltag ganz natürlich gelebt. Es versteht sich aber auch von selbst, dass die Übersetzungsprozesse sowie die stetige Weiterentwicklung des Bilinguismus einen zusätzlichen Effort erfordert. Diesen leistet der ESB jedoch gerne und aus Überzeugung.

Die Energiebranche befindet sich seit einigen Jahren in einem stetigen Wandel, wobei die regulatorischen Vorgaben deutlich zugenommen haben. Hier würde ich mir vom Gesetzgeber etwas mehr Pragmatismus wünschen. Mit dem Wandel im Markt bestehen auch immer mehr Möglichkeiten. Manchmal hat man das Gefühl, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Hier ist es wichtig, den Fokus nicht zu verlieren und gezielte Angebote zu entwickeln.

Wie wirken sich die jüngsten Entwicklungen in der Energiebranche – wie das neue Stromgesetz oder die zunehmende dezentrale Stromeinspeisung durch PV-Anlagen – auf den Bereich Marketing & Vertrieb aus?

Das neue Stromgesetz tangiert viele Bereiche. Die zielgruppenspezifische Kommunikation der Änderungen und neuen Möglichkeiten musste sorgfältig geplant werden. Die Kundschaft darf von uns erwarten, dass wir als Energiespezialist für Fragen hinsichtlich des neuen Gesetzes kompetent zur Verfügung stehen. Dafür musste intern sichergestellt sein, dass alle Mitarbeitenden die nötigen Informationen haben und auch verstehen.

Für die Kundschaft sind die erweiterten Möglichkeiten beim Eigenverbrauch interessant. Mit dem virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch und der lokalen Eigenverbrauchsgemeinschaft können Besitzer von PV-Anlagen ihren Eigenverbrauchsanteil erhöhen. Im Bereich Marketing & Vertrieb haben wir die entsprechenden Beratungskompetenzen aufgebaut.

Der Zubau von PV-Anlagen ist richtig und wichtig, er stellt jedoch die Branche und somit den ESB vor neue Herausforderungen. Im Sommer produzieren PV-Anlagen zu bestimmten Zeiten sehr hohe Überschüsse, welche wir abnehmen müssen. Die Netzinfrastruktur muss diesem Umstand Rechnung tragen. Bei der Beschaffung von Energie nehmen detaillierte Prognosen einen immer höheren Stellenwert ein.

Welche Themen haben für Sie 2026 oberste Priorität, und welche Ziele und Schwerpunkte leiten Sie daraus bzgl. Marketing & Vertrieb für die nächsten 12 Monate ab?

Die optimierte Strom- und Gasbeschaffung ist ein wichtiges Ziel, da sich die Verhältnisse am Markt stark gewandelt haben. Unter den gegebenen geopolitischen Voraussetzungen und der zunehmenden dezentralen Stromproduktion sind wir gegenüber unseren Kunden verpflichtet, möglichst stabile Energiepreise anzubieten.

Wir werden im Jahr 2026 unser neues Kundenportal lancieren, welches insbesondere bei Standardanfragen einen hohen Automationsgrad bieten soll. Damit können Kundinnen und Kunden unabhängig von Ort und Zeit einfache Abwicklungen vornehmen und vom Self-Service profitieren. Selbstverständlich stehen unsere Berater für komplexere Fälle weiterhin persönlich zur Verfügung. Diesen hybriden Weg wollen wir 2026 aufbauen.

Gibt es Produkte und Dienstleistungen, die in Ihrer Strategie für 2026 besonders im Fokus stehen?

Der Ausbau der Fernwärmenetze und damit verbunden die Akquise von Neukunden ist ein Fokus in diesem Jahr, aber auch in den folgenden Jahren. Die Bemühungen in diesem Bereich sind erheblich.

Wir erhalten vermehrt Anfragen von lokalen EVU im Seeland und Berner Jura, welche mit den zunehmenden Anforderungen des Marktes und des Gesetzgebers zu kämpfen haben. Hier wollen wir unsere Kompetenzen als Dienstleister einbringen und sie unterstützen. Der Aufbau solcher Angebote und die Gewinnung von Kunden in diesem Bereich ist ein weiterer Fokus im Jahr 2026.

Was bedeutet für Sie erfolgreiches Marketing und erfolgreicher Vertrieb in einem zunehmend digitalen Umfeld, wie wird die Digitalisierung in Ihrem Bereich umgesetzt, und welcher Mehrwert ergibt sich daraus aus Kundensicht?

Auch mit der fortschreitenden Digitalisierung müssen folgende Fragestellungen geklärt sein: Welche Produkte und Dienstleistungen will ich für welche Kundengruppen über welche Kanäle vermarkten? Wenn man in diesen Punkten Klarheit hat, dann lassen sich digitale Angebote ableiten, welche konkrete Bedürfnisse decken. Danach gilt es, die Angebote agil, einfach und verlässlich zu halten. Der persönliche Beratungsaspekt muss erhalten bleiben und dann zum Tragen kommen, wenn die Anliegen komplex sind. Ich bin persönlich vom «hybriden Weg» überzeugt, will heissen: Standardanfragen digital, komplexe Anfragen persönlich.

Um das Interview mit einer persönlichen Note abzurunden: Wie schaffen Sie für sich einen Ausgleich zum Berufsalltag, und was möchten Sie den Mitarbeitenden sowie den Kundinnen und Kunden für 2026 mit auf den Weg geben?

Als Familienvater von vier schulpflichtigen Kindern bleibt nicht mehr viel Zeit für Hobbys übrig. Der Ausgleich erfolgt dann bei gemeinsamen Aktivitäten mit den Kindern. Diesen Winter waren wir zum ersten Mal als gesamte Familie auf den Schlittschuhen und haben ein «familieninternes Hockey-Match» gespielt – solche Momente schaffen Ruhe und Abstand zum oft hektischen Alltag.

Für den persönlichen Ausgleich finde ich es wichtig, dass man von seiner Arbeit, der Branche und dem Arbeitgeber überzeugt ist. Wenn man für sich in seinem beruflichen Alltag eine übergeordnete Mission entdecken kann, dann ist das unglaublich befreiend. Beim Energie Service Biel/Bienne wurde dies für mich möglich, wofür ich sehr dankbar bin.